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Freitag, 8. April 2016

Geburtsbericht II: Schneller ist nicht unbedingt besser

Von einer Gastautorin
Ich habe bereits zwei Kinder zur Welt gebracht. Im Abstand von zwei Jahren. Beide sind spontan zur Welt gekommen. Beide ähnelten sich sehr in Bezug auf Größe, Gewicht und Kopfumfang.
So gering die Unterschiede bei den Körperabmessungen ausfielen – die Geburtserlebnisse waren so gegensätzlich wie das Geschlecht der Kinder.
Während meiner ersten Schwangerschaft setzte ich mich intensiv mit dem Thema Geburt auseinander. Ich las stundenlang in Büchern und im Internet. Fachliche Texte und Geburtsberichte. Ich war informiert über natürliche Geburten, selbstbestimmte Geburten, Blasensprung, Wehen, Geburtsorte, Kaiserschnitte, Not-Kaiserschnitte, Wunsch-Kaiserschnitte, die durchschnittliche Dauer einer Geburt, Geburtsverletzungen, PDA, Hypnose, Geburtszange, Saugglocke und eigentlich über alles, was im WWW zu finden ist. Und das ist wirklich eine Menge.
Trotz allem war ich absolut unvorbereitet, als ich 12 Tage vor dem errechneten Entbindungstermin am Abend einen Blasensprung hatte.
Der werdende Papa war noch nicht zu Hause. Ich saß auf dem Sofa im Haus meiner Eltern und verlor plötzlich einen kleinen Schwall Wasser. Meine Hose und auch das Sofa waren nass. Mein erster Gedanke war nicht „Das war das Fruchtwasser, jetzt geht es los, bald werde ich Mama sein“ – Nein! Mein erster Gedanke war „Super, jetzt hast du noch nicht mal mehr deine Blase unter Kontrolle.“ Erst als beim Wechseln der Klamotten das feine Rinnsal nicht stoppen wollte, wurde mir bewusst, dass es sich wohl um Fruchtwasser handeln musste. Dank meiner wochenlangen Studien wusste ich, dass im Falle eines Blasensprungs entscheidend ist, ob das Köpfchen des Kindes bereits ins Becken gesunken ist oder nicht. Da am Morgen beim Vorsorgetermin laut meines Arztes, das Köpfchen bereits startbereit im Becken lag, konnte ich auf das beängstigende Vorgehen mit dem Rettungswagen liegend ins Krankenhaus gebracht zu werden, verzichten. Stattdessen war ich die Ruhe selbst, setzte mich zurück aufs Sofa und legte die Beine hoch. Von Wehen war weit und breit nichts zu spüren. Ich bat meine Mutter für meinen Liebsten zu kochen, damit dieser noch etwas zum Essen bekäme, bevor ihm womöglich eine lange Nacht bevor stand. Dazu muss ich vielleicht erwähnen, dass mir das wirklich äußerst wichtig war, denn mein Liebster ist absolut unausstehlich wenn er Hunger hat – und welche Frau möchte einen schlecht gelaunten Mann im Kreißsaal haben? Dieser wollte natürlich gleich los, als er nach Hause kam und von dem bevorstehenden Ereignis hörte. Noch immer die Ruhe selbst, überzeugte ich ihn schließlich davon sich erst das Essen von Schwiegermutti schmecken zu lassen. Als wir ins Krankenhaus aufbrachen, war seit dem Blasensprung bereits eine Stunde vergangen und nach wie vor war keine Wehe in Sicht.
Mein Liebster hatte es im Auto dann ziemlich eilig, schließlich wird man ja nicht jeden Tag Papa. Vielleicht war aber auch der Gedanke an die Abschlussprüfung seiner Weiterbildung am kommenden Tag daran beteiligt. Ganz im Sinne – je schneller wir im Krankenhaus sind, desto schneller ist der kleine Mann vielleicht da. Dank der Prüfung hatte er ja einen gewissen Zeitdruck. Ich war weiterhin die Ruhe selbst und wir blicken noch heute sehr amüsiert darauf zurück, wie wir ausgerechnet auf dem Weg in den Kreißsaal in eine Polizeikontrolle kamen und gleichzeitig wild gestikulierend durch die geöffneten Fenster klar stellten, dass wir gleich ein Baby bekommen werden. Die netten Herren hatten scheinbar keine Lust, an einem kalten Dezemberabend auf offener Straße den Geburtshelfer zu spielen und schickten uns schnell weiter. Damit hat der kleine Mann wohl Papa den Führerschein gerettet und ihm ein saftiges Bußgeld erspart.
Im Krankenhaus angekommen meldeten wir uns im Kreißsaal. Das CTG zeigte keinerlei Wehen und die Untersuchung ergab einen Muttermund der 2cm geöffnet war.
Das war er allerdings, dank vorzeitiger Wehen, schon seit der 26. Schwangerschaftswoche. Da es im Kreißsaal nebenan etwas lauter wurde, schickte uns die Hebamme los – spazieren. In 1,5 bis 2 Stunden sollen wir wieder kommen. Vorher gab es noch ein Zäpfchen, dass den Muttermund weich machen soll. Wir wanderten also endlos durch die Krankenhausflure und unterhielten uns über dies und das. Innerhalb der nächsten 2 Stunden hatte ich genau zwei Wehen, die mich zwar kurz zum Stehenbleiben zwangen, aber ansonsten von den üblichen Senkwehen nicht zu unterscheiden waren. Zurück im Kreißsaal kam ich nochmals ans CTG und wurde untersucht. Weiterhin keine Wehen und auch am Muttermund war keine Veränderung eingetreten. Wir wurden in ein kleines Zimmer geschickt zum Schlafen „Ihr Baby wird sich wohl noch etwas Zeit lassen.“ Hätte ich kein Fruchtwasser verloren, hätten sie uns nach Hause geschickt. Um 23 Uhr schlüpfte ich also in meine Schlafsachen und legte mich ins Bett. Im Liegen fühlte ich mich plötzlich gar nicht mehr wohl und stand kurz darauf wieder auf und spürte meine erste richtige Wehe. Stehen bleiben, tief durchatmen. So fühlt sich das also an. Das bedeutet wohl, dass es jetzt vielleicht doch bald losgeht. Und dann stürzte ich zur Toilette, um mich zu übergeben. Innerhalb der nächsten 50 Minuten hatte ich 4 weitere Wehen. Zwischen diesen war ich weiterhin fast durchgehend damit beschäftigt, mich zu übergeben. Momentmal, davon hatte ich nirgends etwas gelesen und so hatte ich mir die Geburt auch überhaupt nicht vorgestellt. Wir klingelten nach der Hebamme, diese erklärte uns, dass es durchaus sein kann, dass der Körper auf die Schmerzen durch die Wehen mit Übelkeit reagiert und bot mir an, mir ein Schmerzmittel zu spritzen, damit wir noch ein bisschen schlafen könnten, bevor es „richtig losgeht“. Dankend nahm ich das Angebot an. Als ich die Spritze mit den Worten „dauert jetzt ca. 30 Minuten bis sie wirkt“ bekam, war es ein paar Minuten nach Mitternacht. Die Übelkeit hatte nach der letzten Wehe etwas nachgelassen und ich wollte mich gerade wieder hinlegen, als ich wie aus dem Nichts heraus das Bedürfnis hatte zu pressen. Mein Liebster wirkte etwas irritiert und fragte mich, ob er nochmals nach der Hebamme klingeln sollte. Ich verneinte dies vehement – sie ist ja gerade erst zur Tür rausgegangen. Ich wusste ja aus Büchern und Erzählungen, wie eine Geburt abläuft, dass für gewöhnlich mehrere Stunden regelmäßige Wehen nötig waren, um den Muttermund vollständig zu öffnen – somit war für mich eindeutig klar, dass es sich hierbei noch nicht um Presswehen handeln kann. Eine weitere Presswehe. Erneut die Frage meines Mannes, ob es nicht besser wäre, nach der Hebamme zu klingeln. Bei der dritten Presswehe tat er dies dann auch. Zu diesem Zeitpunkt verlor ich jegliche Orientierung und jedes Zeitgefühl. In Bruchstücken erinnere ich mich daran, dass ich in den Kreißsaal gebracht wurde, dort auf einem Bett ein paar weitere Presswehen hatte, jemand mit mir sprach – aber nicht daran wer es war und was gesagt wurde. Meine Erinnerung wurde klar mit der letzten Presswehe, die Wehe bei der ich einen Schrei ausstieß und mit der plötzlich ein Adrenalinschub durch meinen Körper schoss. Es war 0.26 Uhr. Mein Sohn wurde mir auf die Brust gelegt und ich war total überwältigt. Ja, es war dieses Gefühl, welches einem zuvor so oft beschrieben wurde. Ich war glücklich. Schmerzen hatte ich keine, was wohl auf die Mischung aus Adrenalin und der Schmerzspritze, die nun ihre 30 Minuten „bis sie wirkt“ hinter sich hatte, zurückzuführen war. Ein Arzt kam, ich hatte Geburtsverletzungen und musste genäht werden. Mir war alles egal, ich schwebte im siebten Himmel und hatte nur noch Augen für meinen Mann und meinen Sohn. Als der Adrenalinpegel wieder sank, kam auch die Übelkeit zurück. Dieses Mal nicht mehr so heftig, wie während der Wehen und sie verschwand auch nach kurzer Zeit wieder. Meine Nachsorgehebamme erklärte mir später, dass die Übelkeit wohl daher kam, dass meinem Körper alles zu schnell ging: Der Muttermund öffnete sich um die restlichen 8cm mit nur 5 Wehen – innerhalb einer Stunde. Auch für meinen Kopf war es zu schnell, mir fehlen Erinnerungen und ich fühlte mich um ein eine besondere Erfahrung betrogen.
Oft wurde mir gesagt, ich solle doch glücklich darüber sein, dass die Geburt so schnell ging, besser als stundenlang in den Wehen zu liegen. Ich hatte keine Vergleichsmöglichkeiten und so war ich letztlich einfach froh, dass alles vorbei war.
Umso dankbarer war ich nach der Geburt meiner Tochter, diese dauerte zwar länger, aber ich habe sie bewusst erlebt und habe eine besondere Erfahrung mitgenommen, ganz ohne Erinnerungslücken. Und ohne Übelkeit.
Die Geburt begann kurz nach Mitternacht, genau 1 Woche vor dem errechneten Geburtstermin. Ich wachte auf, weil ich Wehen hatte. Keine schmerzhaften Geburtswehen. Wehen, die sich anfühlten wie die zahlreichen Übungs- und Senkwehen der letzten Wochen. Aber sie waren regelmäßig – sie kamen alle 10 Minuten. Ich spürte eine absolute Ruhe in mir. Schlafen konnte ich nicht mehr, meinen Mann aufwecken und ins Krankenhaus fahren? Nein. Mein Gefühl sagte mir, dafür ist es noch zu früh. So lag ich im Bett und stoppte die Abstände der Wehen und ging in Gedanken durch, ob ich an alles gedacht hatte. Ich wollte ambulant entbinden. Nach zwei Stunden Kreißsaal direkt nach Hause fahren zu meinem 2-jährigen Sohn, musste also auch schon alles für die Heimfahrt dabei haben und die Telefonnummer von meiner Nachsorgehebamme. Um 3 Uhr waren die Wehen zwar noch immer nicht stärker, dafür aber in einem Abstand von 3 Minuten. Ich weckte also meinen Mann, wir machten uns gemütlich fertig,  verständigten die Oma, die auf den Großen aufpassen würde und machten uns auf den Weg. Zügig aber nicht übertrieben schnell. Wir kannten das Wunder der Geburt ja schon und am nächsten Tag wartete auch keine Prüfung. Unterwegs gab es auch keine Polizeikontrolle – woran wir uns amüsiert erinnerten, als wir an der besagten Stelle vorbeifuhren. 4 Uhr - Im Krankenhaus angekommen wurden wir herzlich von einer Hebamme empfangen, die uns bestätigte, dass unsere Tochter wohl noch heute auf die Welt kommen wird. Das CTG zeigte regelmäßige Wehen und der Muttermund war bereits 3cm geöffnet. Ich wollte gerne noch ein bisschen spazieren gehen und wir vereinbarten, dass wir in einer Stunde zurück sind und ich dann gerne zur Entspannung baden möchte. Gleich in der Geburtswanne – eine Wassergeburt stellte ich mir sehr schön vor. 5:30 Uhr – kurze Untersuchung als wir zurück waren, der Muttermund ist bei 5cm angekommen, jetzt geht’s in die Wanne. Dort lag ich dann ganz entspannt am CTG angeschlossen – die Wehen kamen weiterhin im Abstand von 3 Minuten und waren noch immer nicht schmerzhaft. Die Hebamme bedauerte, dass sie die Kleine wohl nicht mehr kennenlernen wird, weil gleich Schichtwechsel ist und verabschiedete sich von uns. Während sie im Zimmer nebenan „Übergabe“ machte, bereitete ich mich mental darauf vor, dass nach so einer liebreizenden Hebamme nun bestimmt der absolute „Drache“ auf uns losgelassen wird. Herein kam kurze Zeit später die Hebamme, welche bereits bei der Geburt unseres Sohnes dabei war. Da keine weitere werdende Mama im Kreißsaal war, hatte sie ausschließlich Zeit für uns und wir plauderten angeregt. Zwischendrin überprüfte sie die Wehenabstände und den Muttermund. Die Wehen kamen weiterhin alle 3 Minuten, hatten aber keinerlei Wirkung mehr auf den Muttermund. Wehenschwäche nennt man das – so die Info. Normalerweise kommt in solchen Fällen ein Wehentropf zum Einsatz, um die Wirkung zu verstärken. Wie es denn bei der ersten Geburt gewesen wäre. Wir schilderten kurz, dass die Geburt mit einem Blasensprung begann und die Wehen dann äußerst effektiv waren. Mit unserem Einverständnis verzichtete sie auf den Einsatz des Tropfs und öffnete die Fruchtblase.
Schon kurz darauf verstärkten sich die Wehen. Ich war nicht mehr so entspannt und musste mich voll und ganz aufs Atmen konzentrieren. In den Pausen zwischen den Wehen scherzten und plauderten wir weiter. Mein Mann ließ das CTG nicht aus den Augen und hatte seine größte Freude daran mir mitzuteilen, wenn er erkannte, dass sich wieder eine Wehe aufbaut. Als ob ich das nicht spüren würde ;-)
Gegen 8:15 Uhr wurde es immer schwieriger die Wehen zu veratmen. Auch fühlte ich mich in der Wanne nicht mehr wohl und überhaupt hatte ich gar keine Lust mehr, ein Baby zu kriegen und wollte lieber nach Hause. Als ich gerade den Wunsch äußern wollte, aus der Wanne herauszusteigen, setzten die Presswehen ein. Ich sagte nichts, ein Ende war zu sehen. Die Wehenschmerzen waren weg, jetzt war da einfach nur ein heftiger, unangenehmer Druck im Unterleib, aber jetzt konnte ich etwas tun. Nicht nur atmen. Ich erlebte jede Presswehe bewusst mit und versuchte mich in den Pausen zu entspannen. Zwischendurch kam ein Arzt vorbei, stellte sich vor und fragte ob alles in Ordnung sei. Auch dieses Mal war die letzte Presswehe die schmerzhafteste, aber es folgte der Adrenalinschub und wieder das unbeschreibliche Glück mein Baby in den Armen zu halten.
Das Schlimmste an der Geburt war für mich das Aussteigen aus der Wanne. Das Aufstehen mit der plötzlichen Leere im Bauch und leider fand auch mein Kreislauf das lange Baden in Kombination mit einer Geburt nicht so toll und verabschiedete sich kurzzeitig. Dieses Mal hatte ich nur eine leichte Geburtsverletzung davongetragen, die schnell genäht wurde. Ich genoss das Kuscheln mit meiner Tochter und schoss bereits das erste Foto. Mein Kreislauf erholte sich leider nicht ganz so schnell, so dass aus der ambulanten Geburt letztendlich doch ein 24-stündiger Krankenhausaufenthalt wurde.
Aber das Beste: Ich konnte nach dem schönen Geburtserlebnis meiner Tochter für mich persönlich einen Vergleich ziehen und bin zu dem Schluss gekommen: Schneller ist nicht unbedingt besser.

Donnerstag, 7. April 2016

Spann den Beckenboden an

Ich gebe es zu: Bis vor vier Jahren war mein zweiter Vorname Couchpotato und von irgendwelchen sportlichen Aktivitäten war ich in etwa soweit entfernt wie unser Nachwuchs vom Durchschlafen. Dann folgte der Motivationsschub, zwei Triathlon, Marbacher Gassenlauf, Halbmarathon und sonstige Sperenzchen. Den Halbmarathon in Paris habe ich mir dann doch geschenkt - im sechsten Monat und mit anhaltender Übelkeit war mir das doch etwas zuviel. Aber ich konnte es kaum erwarten, endlich wieder die Laufschuhe zu schnüren. Aber, aber, aber: Der Beckenboden! Von allen Seiten kommen Ermahnungen, Hinweise auf Tena Lady und die Gefahr, auf den Treppenstufen Pinkelflecken zu hinterlassen. Trotzdem: Ich habe ein Ziel vor Augen, nämlich den Marathon in Berlin in diesem Jahr. Wie ich als immer noch voll stillende Mutter mit einem selbstständigen Ehemann vier Trainingseinheiten pro Woche hinbekommen soll, weiß ich zwar auch noch nicht. Aber das ist ein anderes Thema. Erstmal heißt es wieder fit zu werden. Und natürlich den Beckenboden zu trainieren. Und wie ich den trainiere. Man kann den ja immer anspannen. Während man einen Blog schreibt beispielsweise. Oder das Spiel mit der Vorstellungskraft und einer Mandarine, während man an einer roten Ampel steht. Wahrscheinlich ist mein Beckenboden mittlerweile so stahlhart wie die Nerven einer Mutter, nachdem endlich der erste Zahn da ist. Erschüttern kann einen da ja nichts mehr. Nun gut, das Problem Beckenboden ist eine Baustelle. Aber wie geht man trainieren? Man beginnt mit einem Spaziergang - kleiner Tipp am Rande: Entweder man sucht sich ebenfalls kinderwagenschiebende Muttis oder freundet sich mit den Nachbarn an, die Hunde haben. Mit dem Baby in der Tragehilfe oder im Kinderwagen lernt man ganz schnell zu traben. Versucht doch mal, einem Deutschen Schäferhund hinterherzurennen, der gerade eine Erdscholle entdeckt hat und meint, es sei ein schöner, fetter Feldhase. Intervalltraining ist nichts dagegen. Man kann natürlich auch mit anderen Muttis morgens um 6 Uhr das Lauftraining absolvieren. Dann sollte allerdings der Ehemann mitspielen und nur zu freudig die Bespaßung des Sprösslings übernehmen (mit solchen Ideen warte ich daher noch ein bisschen). Idealerweise kann das Kind irgendwann endlich sitzen und da man natürlich die letzten Ersparnisse in den Kauf eines multifunktionalen Kinderwagens investiert hat, ist man stolzer Besitzer eines KinderwagenBuggyBabyjoggers mit integrierter Superfederung, Airbag und Seitenaufprallschutz. Damit kann der Feldweg unsicher gemacht werden. Unabhängig von Laufpartnern, mit denen es sich zwar angeregt tratschen lässt, deren Tempo sich jedoch dem Schneckentempo der einstigen Rennsau (ok, übertrieben) anpassen muss. Sind dann so Spontanideen wie eine Staffel beim mz3athlon, ein gemütlicher 10-Kilometer-Lauf bei den Courses de Strasbourg zu handfesten Plänen geworden, gilt es nur noch eines zu beachten: wer bespaßt das Kind? Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Superbaby kurz vor dem Start noch gestillt, dann dem Papa in den Arm gedrückt und wenn man endlich das Ziel erreicht hat, darf dieser nicht nur eine Champagnerflasche à la Formel 1 über der glücklichen und beckenbodenspannenden Muddi ausschütten, sondern gleichzeitig auch das Kind auf dem Arm jonglieren. Variante II heißt, dass man die Patentante mitnimmt. So kann Muddi rennen und Sohnemann wird abgeknutscht, geknuddelt und von vorne bis hinten bespaßt. Ob er eines Tages Knutschen mit Mama geht laufen verbindet, steht auf einem anderen Blatt.

Dienstag, 29. März 2016

Geburtsbericht I: Kurz und schmerzlos auf die Welt

Von einer Gastautorin
Das ist, als wenn du plötzlich ins eiskalte, dunkle Wasser geschmissen wirst“, sagen die einen. „Dein Kind leidet später sicher mal an Asthma oder an einer Allergie. Oder an beidem. Und von Anpassungsstörungen nach der Geburt ganz zu schweigen“, sagen die anderen. Schön ist auch die Aussage: „Die Schmerzen sind unerträglich. Du bist wochenlang auf Hilfe angewiesen, weil du dich außerdem kaum bewegen kannst.“
So oder so, die meisten Menschen gucken empört, schütteln verständnislos den Kopf, wenn sie hören, dass eine Frau ihr Kind per Kaiserschnitt (kurz Sectio) auf die Welt bringen will. Freiwillig. Ohne sogenannte medizinische Indikation. Ihre Liste mit Horrorgeschichten und Gründen, die dagegen sprechen, ist lang. Erstaunlicherweise gibt es aber doch recht viele quietschfidele Babys – obwohl in Deutschland die Kaiserschnittrate mehr als 30 Prozent beträgt. Ob Kaiserschnitt-Kinder tatsächlich eher krank sind und insgesamt mehr Nachteile haben, lässt sich trotz Studien nämlich nicht eindeutig nachweisen. Kaiserschnittkinder liegen nach der Geburt wohl öfter kränkelnd auf der Intensivstation. Allerdings: Per Kaiserschnitt werden Kinder in der Regel dann entbunden, wenn sie zu schwach sind für eine natürliche Geburt oder nicht reif genug. Es sollte deshalb nicht verwundern, dass man sich um solche Säuglinge zunächst intensiv kümmern muss.
Ich war eine derjenigen Schwangeren, die sich dazu entschlossen hat, sich den Bauch aufschnippeln zu lassen. Oder besser gesagt: Die sich dagegen entschieden hat, mit hochrotem Kopf ihr Baby aus sich herauszupressen. Die Geburt des ersten Kindes dauere im Schnitt 14 Stunden, berichteten die Ärzte bei den Informationsabenden in den Kliniken. Manche Babys brauchen demnach kürzer, andere länger. Um Himmels willen! Durch den Kopf schossen mir die Reportagen, in denen gebärende Frauen unter Schmerzen wimmern, dass es endlich vorbei sein soll. Dass sie sofort einen Kaiserschnitt wollen. Es fällt mir schwer zu verstehen, warum Frauen sich das antun. Hinzu kommen mögliche Folgen wie lebenslange Inkontinenz. Nein danke! Meine Tochter soll in die Windeln pinkeln, ich bevorzuge weiterhin die Toilette.
Dass mein Kind einmal per Kaiserschnitt zur Welt kommt, stand für mich immer fest. Die Vorstellung einer natürlichen Geburt erscheint mir seit jeher grauenhaft, undenkbar. Keine Ahnung, warum das so ist. Beim Gedanken daran brüllt mein Inneres: Nein! Bloß nicht! Lass das sein! Also habe ich auch in dem Fall auf meinen Körper gehört. Zum Glück stehen viele Krankenhäuser Kaiserschnitten offen gegenüber. Natürlich zählen die Ärzte die Vorteile der natürlichen Geburt und die Nachteile der Sectio auf. Aber sie akzeptieren den Wunsch der Schwangeren, wenn sie ihnen ihre Gründe erklärt. Als meine Ärztin ihren Terminkalender durchblätterte, tauchte recht häufig der Vermerk „Sectio auf Wunsch“ auf. So ungewöhnlich ist sie nicht. Frauen werden wegen ihrer Entscheidung leider allzu oft verurteilt – und schweigen lieber.
Die Geburt meiner Tochter war im Großen und Ganzen ein Spaziergang. Ich hatte kaum Schmerzen und lief am selben Abend wieder durch die Gegend. Was nicht zuletzt daran lag, dass ich mich bewusst für diesen Weg entschieden habe. Als ich aus der Vollnarkose aufgewacht bin, schlummerte die Kleine zufrieden auf meiner Brust. Zugegeben, auf die Erfahrung im Operationsaal hätte ich verzichten können. Da geplante Kaiserschnitte für gewöhnlich mit Spinalanästhesie gemacht werden, bekam ich alles mit: Es war eisig kalt, ich zitterte vor Kälte. Ständig stellten sich neue Ärzte vor, die dann um mich herumwuselten. Bis sie feststellten, dass die Spinalanästhesie nicht anschlug, besprühten sie mich wieder und wieder mit einem Kältespray. „Spüren Sie noch was?“  - „Jaaaaaa. Und meine Beine kann ich auch noch bewegen.“ Schließlich versetzten sie mich in Vollnarkose – und es blieb dem Vater vergönnt, die kleine Maus zuerst im Arm zu halten. Das hat weder mir noch ihr geschadet. Ich wusste, worauf ich mich einlasse, und die Kleine ist viel zu beschäftigt damit, die Welt zu entdecken, als über ihren Geburtsweg zu grübeln.

Donnerstag, 24. März 2016

Männerschnupfen - oder warum Frauen keine Zeit dafür haben, daran zu sterben

Heute mal ein Schwank aus dem Leben einer Gastautorin:
Fangen wir einmal damit an, was viele Frauen bereits wissen und eine beachtliche Anzahl Männer erstaunlicherweise sogar zugeben: Ein Männerschnupfen ist eine tödliche Krankheit. Aber wie sieht das eigentlich im Alltag einer ganz normalen Familie aus?

Ist der geliebte Mann und Vater an einem Schnupfen erkrankt, schleppt er sich verantwortungsbewusst trotzdem zur Arbeit, schließlich hat er zu Hause eine Familie zu versorgen (und vielleicht gibt es auf der Arbeit ein paar nette Kollegen, welche die Tragödie hinter dieser schlimmen Diagnose erkennen und solidarisch mitleiden).
Nach einem langen Arbeitstag kommt der Ärmste  dann nach Hause, legt sich aufs Sofa und ist der festen Überzeugung, dass er nur noch ein paar Stunden zu leben hat.
Sterbenskrank fragt er was es zu Essen gibt. Die fürsorgliche (Ehe-)Frau zaubert schnell eine kräftige Fleischbrühe mit Maultaschen, Nudeln oder Klößen, serviert diese auf dem Sofa und widmet sich weiter ihren alltäglichen Aufgaben im Haushalt und der Versorgung des Nachwuchses. Zwischendurch bringt sie dem Leidenden eine Packung Taschentücher, kocht ihm einen Tee, holt ihm Schmerztabletten aus dem Medizinschrank und reicht ihm die Fernbedienung, welche leider 10cm außerhalb der Reichweite des Armes liegt. Während der leidende Mann sich langsam in den Schlaf stöhnt und jammert, kümmert sie sich um das Abendessen für die Kinder und bringt diese anschließend ins Bett. Wenn die lieben Kleinen dann nach mehrmaligen zurück ins Bett bringen endlich schlafen, ist der leidende Mann wieder wach und stellt fest, dass die dringend benötigten Schmerztabletten leer sind. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, entweder hat die Frau noch einen eigenen Vorrat an Schmerzmitteln zu Hause oder aber sie setzt sich in ihr Auto und fährt kurzerhand in die Apotheke, um dort ein halbes Vermögen für Medikamente gegen Erkältung liegen zu lassen. Zurück am Krankenbett wird der Liebste mit den gewünschten Tabletten und erneut mit Tee, Taschentüchern, lieben Worten und Streicheleinheiten umsorgt. Sonderwünsche inklusive.
Wie durch ein Wunder überlebt der Göttergatte den Schnupfen tatsächlich und ist einige Tage später wieder ganz der Alte – bis zum nächsten Schnupfen...

Erstaunlicherweise erkrankt auch der männliche Nachwuchs bereits am tödlichen Männerschnupfen, während der weibliche Nachwuchs in krankem Zustand mit viel Schlaf und ein paar extra Kuscheleinheiten von Mama schnell wieder auf die Beine kommt. Typisch Frau eben – keine Zeit an einem Schnupfen zu sterben.

Ein exemplarischer Tag einer kranken Ehefrau und Mutter zweier Kinder:
Bereits am Abend zuvor stellt sie beim abendlichen Kuscheln auf dem Sofa fest, dass zu ihrer Erkältung nun auch noch leichtes Fieber dazugekommen ist.
Sie geht früh zu Bett, der Mann schaut weiter fern, wünscht ihr aber eine Gute Nacht und Gute Besserung. Er hat wahrgenommen, dass sie erkrankt ist. Am nächsten Morgen steht sie wie gewohnt auf und macht sich für die Arbeit fertig - sie möchte ihre Kollegen mit der Arbeit nicht alleine hängen lassen. Der fürsorgliche Ehemann erkundigt sich wie es ihr heute geht und wünscht auf ihre ehrliche Äußerung „beschissen“ erneut Gute Besserung, einen schönen Tag und geht zur Arbeit. Er weiß nun, dass es ihr noch nicht besser geht. Für sie geht die morgendliche Routine weiter, Kinder wecken, anziehen, fertig machen, Vesper für den Kindergarten richten, usw. Kurz vor der Arbeit wirft sie noch eine Schmerztablette ein, das Fieber sollte damit runter gehen und der Arbeitstag konzentriert zu bewältigen sein.
Nach Feierabend geht es schnellstens nach Hause. Haushalt ist jetzt erst einmal nebensächlich, ein bisschen ausruhen  muss sein. Das funktioniert wunderbar während die Kinder spielen. Zwischendurch muss man nur Streit schlichten, Spiele erklären, Getränke einschenken, das verschüttete Getränk vom Boden aufwischen, Apfel aufschneiden und ins Klo rennen zum „Mama, fertig!“-Popo putzen. 
Für den Nachmittag hatte der Große schon vor einigen Tagen ein „Play-Date“ ausgemacht. Kein Problem, ein Kind mehr oder weniger fällt nicht auf und tatsächlich klappt das Spielen deutlich ruhiger als zuvor. Mama spielt ein bisschen mit, um das Chaos überschaubar zu halten und geht anschließend in die Küche. Abendessen vorbereiten und ein bisschen putzen ist angesagt. Die Tablette vom Morgen wirkt schon lange nicht mehr, der Kopf dröhnt, der Hals schmerzt und die Temperatur steigt wieder. Egal.  Mittlerweile ist es 17:45 Uhr und der Liebste müsste bald nach Hause kommen. Alles gut in der Zeit, in 15 Minuten ist das Essen fertig, dann können die Kinder essen und das Gastkind kann pünktlich auf 18:30 Uhr – wie vereinbart – nach Hause gebracht werden. So der Plan. Genug Zeit, um noch schnell die Spülmaschine auszuräumen.
Plötzlich ein lauter Schlag und Klirren aus dem Büro. Kurzer Blick ins Wohnzimmer, alle Kinder sitzen brav und spielen – hier ist wohl alles in Ordnung. Die Schuldige kommt bereits wie von der Tarantel gestochen auf vier Pfoten und mit lautem „miau“ in die Küche geschlittert. Schnell ins Büro und nachschauen, was passiert ist. Die Katze hat die Kiste mit der Weihnachtsdeko vom Schrank geschmissen. Auf dem Boden verteilen sich nun kaputte Schneekugeln, Christbaumkugeln und andere Dinge. Alles ist nass und voller Scherben. Das muss gleich weg, bevor eins der Kinder hinein tritt. Bewaffnet mit Müllbeutel, Eimer & Lappen macht sich Mama daran alles wieder in Ordnung zu bringen. Zu Fieber, Kopf- und Halsschmerzen kommt nun noch eine Scherbe im Knie – schmerzt und blutet. Schnell zurück in die Küche, ein Pflaster holen, dabei fällt der Blick auf das Essen – scheiße angebrannt. Nächster Blick zur Uhr 18:15 Uhr – scheiße, scheiße, scheiße! Putzen muss warten, Kinder an den Tisch zum Abendessen. Eigentlich müsste der Göttergatte doch gleich da sein, dann könnte er das Gastkind nach Hause fahren oder zumindest mit dem eigenen Nachwuchs zu Hause bleiben und das Chaos der Katze weiter beseitigen. Kurzer Anruf, um die Lage zu checken. Auf die Frage, ob er denn zufällig gleich da ist kommt ein „Wir sind gerade noch ein Bier trinken!“ Danke fürs Gespräch. Der Liebste scheint bereits wieder vergessen zu haben, dass er eine kranke Frau zu Hause hat.
Also alle drei Kinder ins Auto und das Gastkind nach Hause fahren. Zurück zu Hause sind nun erst die Kinder dran, Schlafanzüge an, Zähne putzen, Pippi machen, ab ins Bett – wie gewohnt wird nicht gleich geschlafen. Da hat der Große noch was Wichtiges zu erzählen, die Kleine vermisst ihr Kuscheltier, dann weint sie, weil der Große sie ärgert und dieser hat nochmal Durst. Mit diesen Unterbrechungen dauert das Putzen im Büro doppelt so lange, und als dies endlich erledigt ist, schlafen die Kinder immer noch nicht. Die Erfahrung zeigt, wenn Mama zum Kuscheln kommt schlafen die Kids schneller ein. Also ab ins Ehebett. Ein Kind links, eins rechts, Licht aus. Nun bloß nicht selber einschlafen, vorne steht noch das ganze Geschirr und die Spülmaschine ist auch noch nicht fertig ausgeräumt.
Zwischenzeitlich kommt der geliebte Mann nach Hause. Wirft einen Blick ins Schlafzimmer grüßt, schmeißt sich aufs Sofa und schaltet den Fernseher an.
Als die Kinder endlich schlafen schleppt sie sich fix und fertig ins Wohnzimmer und berichtet von ihrem Tag. Er schaut sie mitleidig an und wirft ein, dass man merkt, dass sie krank wird, weil sie sich alles sehr zu Herzen nimmt und fragt im nächsten Atemzug, was es denn zum Abendessen gibt. Und ob sie es ihm zur Couch bringt. Während er sich dieses vor dem Fernseher schmecken lässt, räumt sie noch die Spülmaschine fertig aus und wieder ein und geht anschließend ins Bett schlafen. Das Fieberthermometer zeigt zu diesem Zeitpunkt über 39°C. Am nächsten Morgen um 7.00 Uhr sind die Kinder wach und der nächste ereignisreiche Tag für die Frau und Mutter beginnt. Ganz egal ob mit oder ohne Erkältung...

Montag, 14. März 2016

Neulich im Muddi-Café

Drama in mehreren Akten. Heute: Kaffeeklatsch
Ein großer Raum, Wohnzimmer, Wohnküche oder ähnliches. Eine Spielzeugecke, gedeckter Kaffeetisch.
Muddi 1: So, fertig. Jetzt können alle kommen. (Nimmt ihr Kind auf den Arm und öffnet die Tür, da es gerade geklingelt hat).
Muddi 2: Oh, wir sind etwas zu früh. Junior 2 war mit seinem Mittagschlaf so früh fertig, dann sind wir gleich losgefahren. (Junior 1 brüllt) Mir scheint, er hat Hunger. Aber ich muss noch ein bisschen warten. Laut Arzt soll ich nur alle vier Stunden stillen. (Blick auf die Uhr) Noch zehn Minuten. Dann darf er.
(Es klingelt wieder. Nach und nach strömen Muddis mit ihren Kindern ins Haus).
Muddi 3 setzt Perfect 1 auf den Boden: So, jetzt zeig mal allen, was du kannst. (und zu den anderen gewandt:) Sie kann seit zwei Tagen krabbeln. (Perfect 1 krabbelt wie auf Kommando los, zielstrebig in Richtung Spielecke. Muddi 3 macht ein Video davon) Schaut mal alle her, guckt euch das mal an. Wartet, ich habe noch mehr Videos. Die müsst ihr unbedingt alle sehen.
(In der Zwischenzeit haut Perfect 1 Junior 2 einen Bauklotz an den Kopf).
Muddi 3: Dudududu, das macht man aber nicht. Komm, lach mal in die Kamera, das ist viel toller. Schaut mal alle her, wie toll Perfect 1 lachen kann. Ich bin ja so gespannt, ob Perfect 3 genauso wird. (zeigt auf ihren Bauch) Er ist schon total gut entwickelt. Schaut mal her, ich habe die aktuellsten Ultraschallfotos.
Muddi 1: So setzt euch doch alle hin. Greift zu.
Muddi 4: Ist das vegan? Und glutenfrei?
Muddi 2: Hast du Dinkelwaffeln gebacken? Du weißt doch, Junior 1 mag nur die.
(Muddi 1 nickt und schiebt jedem sein Sonderessen hin)
Muddi 5: Hast du heißes Wasser für mich? Little-Me braucht ihr Fläschchen. Nein, abkochen musst du es nicht. Es reicht Wasser aus dem Hahn.
(Muddi 2 schaut etwas pikiert) Du gibst die Flasche? Das würde ich ja nicht machen. Oh, die vier Stunden sind rum. (packt ihren Still-Schal aus, dreht sich zur Seite und lässt Junior 2 an die Milchbar) Er muss jetzt genau 20 Minuten trinken, damit er richtig satt wird.
(Muddi 5 gibt Little-Me die Flasche und redet zwischendurch ununterbrochen davon, wie es gelungen ist, Sweetheart trocken zu bekommen): Also, am Anfang war es ja eine Riesensauerei. Aber wir haben es immer und immer wieder probiert.
Muddi 3: Guckt doch mal, Perfect 1 und Perfect 2 schon alles können. Seht mal her, ich habe gerade ein Video gedreht. Das muss ich sofort bei Facebook hochladen. Wisst ihr, unsere Tante aus Kalkutta bekommt ja sonst gaaaaaaaar nichts mit. Dudududududu, Perfect 1 komm mal her. Zeig doch mal, wie schön du lachen kannst.
Muddi 2: Also, ich muss sagen, dass Junior 1 schon mit sechs Monaten krabbeln konnte. Nicht erst mit acht. Das finde ich ja reichlich spät.
Muddi 4: Ist die Kaffeesahne vegan?
Muddi 6 (verschwitzt, etwas außer Atem mit fünf Kindern im Schlepptau): Verzeiht, bei uns geht es drunter und drüber. Kinder, setzt euch hin. Ach, du hast Durst (zieht das Shirt runter und lässt Nippel hervorblitzen).
Muddi 2: Willst du dich nicht bedecken? Das ist doch total unästhetisch
(Muddi 6 reagiert nicht, stillt ihre Jüngste, während sie Kuchen isst und ihrem Ältesten die Mathehausaufgaben der ersten Klasse erklärt).
Muddi 4: Ich habe ein neues Rezept ausprobiert. Vegan natürlich. Meine Kinder schwören drauf. Obwohl der Älteste gerade protestiert. Er möchte nicht vegan essen. Dann habe ich ihm wieder erklärt, wie eklig anderes Essen doch ist.
Muddi 7: Boah, Muddi 1. Hast du Frikadellen da? Und Senfgurken? Ich habe so schlimme Gelüste. Das alles in Kombination mit Kakao. Das ist der Wahnsinn.
Muddi 5: Wie kannst du das alles nur in dich reinstopfen? Also, ich habe ja gleich wieder mit dem Sport begonnen nach der Schwangerschaft. Die Kilos müssen weg. Aber stillen? Nein, das kommt mir nicht in die Tüte.
 Muddi 7: Wo ist denn hier die Toilette? Mir ist speiübel. (rennt aus dem Zimmer)
Muddi 3: Schaut doch mal, ich habe gerade ein Foto von Perfect 2 gemacht, wie er Junior 1 ein Küsschen gibt. Das muss ich bei Facebook hochladen.
[to be continued]

Mittwoch, 9. März 2016

Erwartungen

Was erwartet man eigentlich, wenn das Baby endlich da ist?
Papa: glückliche und zufriedene Mama, immer top gestylt, saubere Socken und ein fröhlich glucksendes Baby. Abends was zu essen und maximal einmal pro Woche Windeln wechseln.
Großeltern: regelmäßige Besuche zum Mittagessen, Kaffee, Abendbrot (Verkürzung nur bei akuter Magen-Darm- Infektion, Sintflut oder spontan entstandener Gletscher wegen der neuen Eiszeit). Tägliche Fotos. Umsetzung der Tipps, die bei der eigenen Kindererziehung schon daneben gegangen sind.
Urgroßeltern: Vier-Generationen-Foto
Onkel: Bespaßung der Kinder nur, wenn diese laufen, sprechen und richtig essen können. Bei Babysitterdiensten bitte Schaukel, Sandkasten und Wippe mitliefern. Maximale Zeitspanne: eine Stunde.
Paten, Patinnen, Tanten und Nachbarinnen: kusswillige Babys, dazu eine schöne Tasse Kaffee. Kuchen wird mitgebracht.
Arbeitgeber ohne Kinder: Rückkehr nach dem Mutterschutz, weiterhin voller Einsatz. Keine Freistellung auf Firmenkosten bei Krankheit des Kindes.
Arbeitgeber mit Kindern: Elternzeit, danach voller Einsatz.
Kinderärzte: Entwicklung nach Lehrbuch, grundsätzliches Nicken der Eltern und Befolgung der nützlichen Ratschläge, Stillenin Vier-Stunden-Abständen, Einführung der Beikost ab dem fünften Lebensmonat. 
Muttis mit gleichaltrigen Kindern: eigenes Baby muss zwingend bei den Vergleichen besser abschneiden. Sonst wird das nichts mit der Leistungsgesellschaft.
Muttis mit unterschiedlich alten Kindern: Endlich jemand zum reden.
Freunde ohne Kinder: alles wie früher ohne Kinder.
Geschwister des Familienzuwachses: Weiterhin volle Aufmerksamkeit von Mama.
Mama: Ruhe und Zeit für sich und das Baby. Ohne Tipps und Erwartungen. Verständnis.

Dienstag, 1. März 2016

Auf Jobsuche

Bewerbung I

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit möchte ich mich bei Ihnen um die Stelle als Hochleistungsbaby bewerben. Die ausgeschriebene Stelle entspricht genau meinen Fähigkeiten des NullAchtFünfzehnBabys des modernen Zeitalters. Als perfektes Baby wurde ich auf die Minute genau berechnet in diese schöne Welt hineingeboren. Die eingeleitete Geburt entsprach genau den Vorstellungen des leitenden Arztes. Einziges Manko: Eine Hebamme war aus Kostengründen nicht anwesend. Aber als alles ein wenig länger dauerte, war es der Arzt, der mich mit einem gekonnten Notkaiserschnitt auf die Welt holte. Auch die Tatsache, dass meine Mama nach Ansicht der Ärzte nicht genügend Milch für mich hatte, war kein Problem. Perfekt auf meine Bedürfnisse abgestimmte Flaschennahrung sorgte dafür, dass mein beinahe unersättlicher Hunger gestillt werden konnte. Auf die Minute genau alle vier Stunden bekam ich die wohltemperierte Flaschennahrung mit dem leider etwas schnöde schmeckenden Gummisauger zugeführt. Kürzere Abstände führen zu Bauchweh, hat der Kinderarzt erklärt. Als Hochleistungsbaby schlafe ich von Anfang an durch und natürlich auch im eigenen Bett. Immer von 22 bis 8 Uhr. Bei den einzelnen Untersuchungen in den ersten Lebensmonaten habe ich immer volle Punktzahl. Ich drehe mich zum richtigen Zeitpunkt, halte den Kopf perfekter als jedes Model mit einem Buch auf dem Kopf, robbe, krabble und sitze erst dann, wenn es der Kinderarzt für befindet. Mit genau einem Jahr laufe ich. Auch meine Ernährung ist so perfekt, wie es bei einem NullAchtFünfzehnPerfektionsBaby sein soll. Ab dem fünften Lebensmonat esse ich Brei, jede Woche eine neue Gemüsesorte, trinke feinen Fencheltee und mache dank eines ultramodernen Lätzchens kaum Sauerei.
Sie sehen, ich habe in jeder Disziplin 100 Punkte erreicht. Ganz so, wie es die Statistiken besagen. Wenn Mama sich mit ihren Mädels aus dem Geburtsvorbereitungskurs trifft, kann sie immer sehr stolz sagen, was ich schon alles kann. Dagegen kommen die anderen Muttis mit ihren Fotos und Videos nicht an.
Ich freue mich auf ein Vorstellungsgespräch bei Ihnen, zu dem ich gerne mit meinem Bobby Car komme.
Es grüßt Sie ganz herzlich,
Ihr genormtes Hochleistungsbaby

Bewerbung II
Rabääää, Milch, Pups, Bööörp, Milch, Sitzen, Laufen, Milch, Schlafen in Mamas Arm.
Rabäääääääääää
Ein glückliches Baby
Brabbel